Jede Art von Beziehung setzt soziale Interaktionen voraus. Normalerweise bilden sich Beziehungen zwischen Menschen, die sich gut kennen und direkten Kontakt zueinander haben. Dies ist aber nicht immer der Fall. Es gibt allerdings auch einseitige Beziehungen, bei denen Betroffene eine emotionale Bindung zu Medienfiguren aufbauen, ohne diese persönlich zu kennen. Dies ist ein Beispiel für parasoziale Interaktionen oder gar Beziehungen. Es sind einseitige, psychologische Bindungen, bei denen Betroffene oft viel emotionale Energie und Zeit einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens widmen. In diesem Beitrag soll es primär um Persönlichkeiten aus dem Internet gehen: sogenannte „Streamer“, „Influencer“ oder „Content Creator“ auf Social Media.

Personen, die regelmäßig ihren Zuschauern Videos oder Streams zur Verfügung stellen, können von Betroffenen als Freunde, sogar romantische Partner wahrgenommen werden. Diese Art von Interaktion kann eine Illusion von Gesellschaft schaffen, sie ist ungesund und kann sogar dazu führen, dass die Betroffenen ihr „echtes Leben“ vernachlässigen.
Durch die globale Covid-19-Pandemie wurde eine besondere Situation geschaffen, bei der unsere soziale Routine unterbrochen wurde. Gezwungenermaßen haben die meisten Leute den direkten Kontakt zu ihren Mitmenschen pausieren müssen. Bekannte und Freunde konnten teils nur noch über das Internet, zum Beispiel per „Zoom“ oder „FaceTime“, getroffen werden. Diese Situation hat dazu geführt, dass es keine klare Grenze zwischen Freunden aus dem echten Leben und Streamern oder Influencern mehr gab, da in beiden Fällen auf sehr ähnliche Art kommuniziert wurde.
Vor allem seit dieser Pandemie verbringen immer mehr Menschen ihre Freizeit im Internet und durch Onlineplattformen wie „Twitch“, „YouTube“ oder „TikTok“ erreichen Content-Creator ein immer größer werdendes Publikum.
Obwohl parasoziale Interaktionen sich nicht nur auf das Internet beziehen, sondern auch zu Schauspielern, Fernseh- und Radiomoderatoren oder sogar virtuellen Figuren aufgebaut werden können, kommt es im Internet doch viel häufiger vor. Content-Creator teilen oft Ausschnitte ihres täglichen Lebens auf Social Media und durch Chat- oder Kommentar-Funktionen kann der Kontakt zu Streamern oder Influencern sehr zugänglich oder familiär wirken. Vor allem Streamer teilen oftmals ihren Alltag mit ihren Zuschauern. Sie filmen sich live dabei und erleben die täglichen Höhen und Tiefen zusammen und dabei ist oft die Rede von „Wir“, wir als „Community“. Da die Streaming-Plattformen oft Live-Chat-Funktionen anbieten, kann das besonders gefährlich sein. Streamer interagieren in Echtzeit mit ihren Zuschauern und ihnen wird dabei vermittelt, zur „Community“ dazuzugehören. Durch diese regelmäßigen Interaktionen kann die Illusion entstehen, eine Freundschaft, Bindung oder sogar intime Beziehung zum Streamer aufzubauen. Dabei wird leicht vergessen, dass die Streamer ihre Zuschauer überhaupt nicht sehen können, da im Chat lediglich ein Benutzername angezeigt wird.
Auf Streaming-Plattformen wie „Twitch“ können Streamer von ihren Zuschauern durch ein monatliches Abonnement oder Spenden finanziell unterstützt werden. Das kann intensiv zu einer parasozialen Beziehung beitragen. Betroffene haben oft das Gefühl, durch finanzielle Unterstützung einen Vorteil bei dem Streamer zu bekommen oder in näheren Kontakt zu gelangen. Hierbei besteht die Gefahr, dass Betroffene den Überblick über ihre monatlichen Ausgaben verlieren und in finanzielle Not geraten.
Eine weitere Gefahr durch parasoziale Interaktionen sind unrealistische Lebenserwartungen. Es werden überwiegend positive Erlebnisse im Internet geteilt und das negative Drumherum wird der Community vorbehalten. Dies schafft eine Lüge von einem „perfekten Leben“ für die Zuschauer. Das wiederum führt dazu, dass Betroffene oft denken, ihr eigenes Leben sei langweilig und unerfüllt.
Trotz alledem kann der Kontakt über das Internet aber auch positive Auswirkungen haben. Soziale Interaktionen sind für uns Menschen vonnöten. Menschen in schwierigen Lebenslagen haben allerdings nicht immer das Privileg, direkten Kontakt zu Freunden oder Familie zu haben. In solchen Situationen kann der Kontakt über das Internet Abhilfe schaffen. Bei sozialen Interaktionen durch das Internet besteht weniger „sozialer Druck“. Das führt dazu, dass Betroffene eher das Gefühl haben, dazuzugehören – ganz abseits ihrer Probleme.




